Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2004, S. 35

Wie Wissenschaft populär wird

Dieses Buch ersetzt ein Studium

Es gibt ein Foto, das Albert Einstein neben Thomas Mann sitzend zeigt. Die Herren wirken beklommen. Mann sieht aus wie ein Pennäler, dessen Versetzung gefährdet ist, Einstein wie der Lehrer, der fragt: Wie kann ich dir denn jetzt bloß noch helfen? Thomas Mann hat dem Foto 1954 eine Legende beigegeben: "So ganz einfach neben dem? Mir schwindelt." Das Foto ist in einem Buch abgebildet, das der Naturwissenschaft im Werk Thomas Manns gewidmet ist, aber vor allem eine ausgezeichnete Geschichte des populärwissenschaftlichen Schreibens ist (Malte Herwig: "Bildungsbürger auf Abwegen. Naturwissenschaft im Werk Thomas Manns". Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2004. 394 S., geb., 59,- [Euro]). Angefangen vom neunzehnten Jahrhundert, bei Ernst Haeckel, Wilhelm Bölsche und Alexander von Humboldt, erfährt man hier Zentrales über populärwissenschaftliche Erzählstrategien und gelangt so ins Herz einer Problematik, wie sie sich auch heute für die Naturwissenschaften am Beispiel etwa der Gen- oder Hirnforschung stellt: Wie läßt sich Wissenschaft ohne größere Ertragsverluste einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln? So ist dieses Buch ein Buch für jeden Wissenschaftler, Studenten und Fachpublizisten, der verständlich schreiben möchte.

Thomas Mann hat seinerseits immer wieder auf populärwissenschaftliche Werke seiner Zeit zurückgegriffen, um diese dann wiederum literarisch zu verarbeiten - anhand der drei Romane "Der Zauberberg", "Doktor Faustus" und "Felix Krull" wird dies durchbuchstabiert. Manns synkretistische Arbeitsweise, sein höheres Abschreiben, das heißt sein Anlehnungsbedürfnis im verdeckten Zitat, seine Stilisierung als Goethe-Nachfolger - all das ist lange bekannt. Doch ist die nähere Art seiner Rezeption naturwissenschaftlicher Befunde bisher noch nicht gründlicher untersucht worden. Mann interessierte sich nicht nur zur Zeit des "Zauberbergs", sondern lebenslang für die Erkenntnisse der Naturwissenschaften. Ende der zwanziger Jahre trat er dem "Verein für Raumschiffahrt" bei, er betätigte sich vor allem in den späten vierziger und fünfziger Jahren als Rezensent populärwissenschaftlicher Werke, die Universität Zürich ernannte ihn schließlich zum Doktor der Naturwissenschaften ehrenhalber. Bemerkenswert an alldem findet Herwig, daß Mann in der Öffentlichkeit als Autorität in Fragen naturwissenschaftlicher Weltanschauung galt und von klugen Verlegern - oft zusammen mit Einstein - für das Marketing von Schriften eingespannt wurde.

Mehr als Zuhörer denn als Diskutant pflegte sich Mann in Wissenschaftler-Kreisen zu bewegen. Er nahm gewissermaßen mit, was er kriegen konnte, zapfte überall die Experten an, literarische Anforderungen bestimmten seinen eruptiven naturwissenschaftlichen Materialbedarf. Ihm ging es nicht um weltlose Spekulation, sondern um exakte sinnliche Phantasie, um die Phantasie der Plastiker, wie er in "Goethe und Tolstoi" schreibt. Von Goethe, dem Naturpoeten, lernen hieß für Mann, Sympathie mit dem Organischen zu entfalten, einen imaginativen Kern mit dem Oberflächenrealismus nüchtern beobachteter Details und kühlem Stil zu verbinden.

Für Manns fiktionale Verarbeitung naturwissenschaftlicher Daten lassen sich zwei Maximen als maßgeblich anführen. Die eine stammt von Goethe, die andere von Ernst Jünger. Goethe schrieb über den Dichter: "Solange er bloß seine wenigen subjektiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber sobald er die Welt sich anzueignen und auszusprechen weiß, ist er ein Poet. Und dann ist er unerschöpflich und kann immer neu sein, wogegen aber eine spekulative Natur ihr bißchen Inneres bald ausgesprochen hat und zuletzt in Manier zugrunde geht." Und Ernst Jünger vermerkte in den vierziger Jahren nach der Lektüre von Aldous Huxleys "Point Counter Point": "Der gute Stil setzt heute naturwissenschaftliche Bildung voraus wie einstmals theologische."

Interessant für Manns Verarbeitungen war natürlich das weltanschauliche Deutungspotential, wie es sich oft schon in den Titeln der populären Werke zeigte: "Die Welträtsel", "Geheimnisse des Weltalls", "Im Anfang war der Wasserstoff". Rhetorisierung der Sprache, direkte Leseransprache ("du"), Autorenplural ("wir"), häufige Benutzung des besitzanzeigenden Adjektivs ("unsere Erde") - all das gehört zum Stilkanon eines populärwissenschaftlichen Werks, das zünden will. Poetischer Charme wird in solchen Werken hergestellt durch Alliteration ("Im Reiche Röntgens"), rhythmische Wendungen ("Würger im Pflanzenreich"), metaphorische Formulierungen ("Bausteine des Weltalls"). Der Popularisierer Bölsche verglich sein Zielpublikum mit einem "sehr intelligenten Kinde" und mahnte, "in extremer Weise voraussetzungslos" zu schreiben.

Die Einbeziehung des intelligenten Kindes als Kunstgriff gelang im populären Genre der "Plaudereien", Lehrer-Schüler-Dialoge im weitesten Sinne, wie sie sich etwa in folgenden Titeln des neunzehnten Jahrhunderts ausdrücken: "Plaudereien aus dem Paradiese", "Naturstudien im Garten. Plaudereien am Sonntag Nachmittag. Ein Buch für die Jugend", "Naturstudien im Hause. Plaudereien in der Dämmerstunde", "Zärtliche Verwandte in der Tierwelt und andere zoologische Plaudereien". Thomas Mann hatte vor derlei Sachbuchliteratur keine Manschetten. Im Gegenteil, so hält Malte Herwig fest, benutzte Mann mitunter seine gestärkten Manschetten als Notizblock, auf dem er sich aus flüchtiger Lektüre oder Gesprächen rasch die neuesten Errungenschaften in Medizin, Chemie und Physik notierte. Von nichts kommt nichts, wie das physikalische Gesetz der Energieerhaltung auch für den populären Schriftsteller lautet.

CHRISTIAN GEYER

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

All Rights Reserved 2004. http://www.malteherwig.com Design by Ades Design