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Süddeutsche Zeitung, 10.08.2005
Tauchkugeln, Teufelsvögel
Malte Herwigs Studie über die Naturwissenschaft im Werk Thomas Manns
„Bildung“, das Buch des Anglisten Dietrich Schwanitz, dessen Titel vor einigen Jahren einem Aufruf gleichkam, hat schnell eine Antwort gefunden: Ernst Peter Fischers „Die andere Bildung“. Dem kulturellen Kanon, den Schwanitz aufstellt, konfrontiert Fischer das Minimum, das ein Gebildeter heutzutage von den Naturwissenschaften wissen müsste und meist nicht weiß. Vom 19. Jahrhundert an haben sich die Naturwissenschaften dem Allgemeinverständnis immer mehr entzogen. Seither entwickelte sich eine eigene literarische Gattung, die Populärwissenschaft, die versucht, die naturwissenschaftlichen Revolutionen im bildungsbürgerlichen Weltbild unterzubringen.
Es mag einer der Gründe für den Erfolg Thomas Manns sein, dass er vor den Experimenten und Erkenntnissen der Naturwissenschaften nicht halt machte und sie in seinen Werken im wörtlichen Sinne inszenierte: Er hat sie in Figuren, Situationen, Gesprächen als Handlung und Ereignis vorgestellt. Nicht nur Professor Kuckuck im „Felix Krull“ formuliert die paläontologische Weltsicht neu, auch im „Zauberberg“, im „Doktor Faustus“ überträgt der Autor seinen Figuren, deren Fassungsvermögen das der Leser nicht übersteigt, die Auseinandersetzung mit neuen Forschungsergebnissen, und er unterwirft sich damit der Aufgabe, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in Weltanschauung zu transformieren. Thomas Manns Romane beteiligen sich an der Vermittlung, die die Populärwissenschaften begonnen haben. Sie führen das Staunen vor dem bislang Unbekannten als ästhetisches Spiel vor.
Thomas Mann und die Naturwissenschaft – es ist ein oft besprochenes Thema, das Malte Herwigs Dissertation erneut aufgreift. Weniger das gründliche Studium der Quellen als vielmehr die ästhetische Sensibilität, mit der Herwig der Verwendung naturwissenschaftlicher Phänomene im Werk Manns nachstellt, zeichnen diese Untersuchung vor den Vorgängern aus, die nur inhaltliche Bezüge zwischen Wissenschaft und poetischer Anwendung herstellten. Die Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft ist keine zufällige Beschäftigung von Thomas Manns Figuren, sie ist ihnen nicht irgendein Thema. Vielmehr geht sie in die Charakterzeichnung ein. Im poetischen Bewusstsein Thomas Manns durchdringen sich Wissenschaft und Kunst, sie gehen in einem geradezu „osmotischen Austauschverhältnis“ ineinander über. Der Dichter knüpft eigene „Bildnetze“, die zugleich aus poetischem Stoff und aus Naturstoff gemacht sind. Die Herkunft der Motive aus den Naturwissenschaften gelte es zu entdecken, ihre poetische Grundmuster zu beschreiben: „Neben genetischer Abhängigkeit setze ich ein osmotisches Austauschverhältnis von Ideen in Literatur, Kunst, Philosophie und Naturwissenschaft voraus, die in historischen, sozialen und politischen Kontexten über ihr Entstehungsgebiet hinaus wirksam werden und am ,kulturellen Wissen‘ einer Epoche teilhaben“.
Ein „Beziehungszauber“, der alle Bereiche des Textes, Figuren, Motive, Szenen miteinander verflicht, befähige Thomas Manns Werk zu einem „höheren Realismus“. Diesen „Beziehungszauber“ stiftet die Einbildungskraft, die Anregung dazu aber fließt ihr aus Situationen des Lebens ebenso zu wie aus naturwissenschaftlichen Texten. Erfahrungen etwa mit den Röntgenaufnahmen, auf denen sich im „Zauberberg“ die Menschen in Skelette verwandeln, macht Thomas Mann durch eine Krankheit seiner Frau Katja. Häufiger freilich hält er sich an die Schriften naturwissenschaftlicher Autodidakten aus dem späten 19. Jahrhundert wie Wilhelm Bölsche und Raoul Francé oder an philosophische Autoren wie Ernst Haeckel.
Kunst des höheren Abschreibens
Herwig beschreibt Thomas Manns Umgang mit diesen Quellen als „höheres Abschreiben“. Seitenweise zitiert Mann scheinbar wörtlich diese Werke. Die Synopse naturwissenschaftlicher Texte mit den von Thomas Mann bearbeiteten Stellen nutzt Herwig zu einer sprachlichen Analyse. Er entwickelt die Ästhetik einer naturwissenschaftlichen Poesie und lockert den Ernst seiner Darstellung durch manch witzige ikonographische Details auf: „Sowohl der Auerhahn (Capercailzie), wie auch der Kuckuck sind Teufelsvögel“, befindet er über die Figuren des „Doktor Faustus“ und des „Felix Krull“.
Die bildungsbürgerliche Aufgabe der poetischen Vermittlung naturwissenschaftlicher Erkenntnis, der sich Thomas Mann unterzieht, weist ihn als einen der letzten Goetheaner aus. Wie Goethe, so sucht auch Mann „den öffentlichen Ruhm als Universalist“. Die „diskursübergreifenden Ideen“ von Manns wissenschaftlicher Poesie – der Gedanke einer Entwicklung vom Urtier zum Menschen, die Idee der Allharmonie und Urzeugung, die Analogie von Mikrokosmos und Makrokosmos – sind Ausläufer eines organologischen Weltentwurfs, der sich von Goethe herleitet, eine Tatsache, die von der Literaturwissenschaft gern übersehen wird: „Ein von der Forschung bisher vernachlässigter Aspekt ist Manns eindringliches Interesse an Goethes naturwissenschaftlichen Forschungen und an der Rolle, die solche ,Liebhabereien und szientifischen Nebendinge‘ in dessen Werk und Leben spielen.“
Im „Zauberberg“ – er ist neben „Doktor Faustus“ und „Felix Krull“ das Werk, aus dem Herwig seine Thesen gewinnt – entdeckt er die Nähe zu Goethes Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“. Nicht allein, dass in diesem Werk des beginnenden 19. Jahrhunderts der Entwicklungsgang des Helden in den Beruf des Arztes mündet. In der Anatomie regt ein schöner Mädchenarm Wilhelm Meister zum Nachdenken über den Zusammenhang von Natur und Kunst, von Schönheit und Medizin an. Im Sanatorium des „Zauberberg“, wo die schöne Clawdia die Sinne verwirrt, wiederholt Hans Castorp das Nachdenken von Goethes Bildungshelden in einem neuen Zusammenhang. „Goethes eigene Studien, Wilhelm Meisters Ausbildung zum Wundarzt oder Hans Castorps Forschungen – sie alle sind Ausdruck eines sympathiegetragenen, aber schonungslos offenen Interesses am Menschen.“
Die historischen Zusammenhänge vergisst Herwig über diesen ästhetischen Assoziationen nicht. Die Inszenierung der Fahrten Adrian Leverkühns in die Tiefe leitet er von dem Bericht des Zoologen William Beebe ab, der 1934 eine Tauchexpedition unternahm und sie in dem Buch „Half mile down“ beschrieb, das bislang als Quelle für Thomas Mann wenig geschätzt gewesen war. Herwig nimmt das Buch in seinen „Kanon“ verbindlicher naturwissenschaftliche Quellen auf, denn gerade die populären Schriften machen deutlich, was die historische Aufgabe und was der Erfolg Thomas Manns ist und bleibt: den Bruch zu kitten, der zwischen spezialisiertem Wissen und allgemeinem Weltentwurf entstand, und den neuen naturwissenschaftlichen Kosmos im bürgerlichen Ambiente unterzubringen.
HANNELORE SCHLAFFER
MALTE HERWIG: Bildungsbürger auf Abwegen. Naturwissenschaft im Werk Thomas Manns. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2004. 394 Seiten, 59 Euro.
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