Tagesanzeiger (Zürich) , 06.08.2005

"Neben dem? Mir schwindelt"

Anfang 1954 schickte Thomas Mann einem Bekannten ein Bild, das ihn zusammen
mit Albert Einstein zeigt, und schrieb auf die Rückseite: «So ganz einfach
neben dem? Mir schwindelt.» Dass sich der Schriftsteller damit vor dem
Naturwissenschaftler keineswegs in Ehrfurcht verbeugte, sondern lediglich
mit seiner vermeintlichen Unbildung kokettierte, legt Malte Herwig in einem
lesenswerten Buch dar, «Bildungsbürger auf Abwegen».

Wunder und Qual des Menschseins

Herwig zeigt, dass Mann anders als viele seiner Schriftstellerkollegen die
Spannung zwischen Geist und Natur in einer von der Wissenschaft entzauberten
Welt nicht durch eine literarische Wiederverzauberung zu überbrücken suchte.
Stattdessen bediente er sich der Naturwissenschaften, um «Wunder und Qual
des Menschseins tiefer verstehen, um sie schöner gestalten zu können».

Mann, der bereits in den 1920er-Jahren dem «Verein für Raumschiffahrt»
beitrat, war ein eifriger Leser (populär-)wissenschaftlicher Publikationen,
was viele seiner Werke inhaltlich und stilistisch beeinflusste. Diskussionen
mit befreundeten Naturwissenschaftlern interessierten ihn zuweilen so sehr,
dass er sich in Ermangelung eines Notizblocks kurzerhand auf die Manschetten
schrieb. Besonders stolz war Mann, wenn er von Forschungsergebnissen erfuhr,
die er glaubte in eigenen Werken vorweggenommen zu haben.

Zusammen mit Einstein wurde er gegen Ende seines Lebens als eine Art
Weltweiser verehrt, von denen eine durch Atombomben und Kalten Krieg
verunsicherte Menschheit moralische Führung erwartete. Als die ETH Zürich
den Schriftsteller im Juni 1955 zum Ehrendoktor der Naturwissenschaften
machte, wurde ausdrücklich auf seine Freundschaft mit dem drei Monate zuvor
verstorbenen Physiker verwiesen. «Grossen Spass» habe ihm diese Auszeichnung
gemacht, hielt Thomas Mann in einem Brief fest. Zwei Monate später schon war
auch er tot und bildet seither am Kulturhimmel mit Einstein ein
faszinierendes literarisch-naturwissenschaftliches Doppelgestirn.

Alexis Schwarzenbach

Malte Herwig: Bildungsbürger auf Abwegen. Naturwissenschaft im Werk Thomas
Manns. Klostermann-Verlag, Frankfurt. 394 S., 100 Fr.

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